Schweizer Händler und Plantagenbesitzer in Brasilien
Von der liberalen Wirtschafts- und Siedlungspolitik angezogen wandern im 19. Jahrhundert viele Schweizerinnen und Schweizer nach Brasilien aus. Während die einen als Plantagenbesitzer, Händler und Kaufleute zu Reichtum kommen, werden andere als Landarbeiterinnen und Landarbeiter in sklavenähnlichen Zuständen ausgebeutet. Trotz dieser skandalösen Situation lehnt der Schweizer Bundesrat 1864 ab, etwas zur Verbesserung ihrer Lebensumstände zu unternehmen. Der portugiesische König João VI. flüchtet 1807 mitsamt seinem Hofstaat vor den napoleonischen Truppen nach Brasilien. Dort erlaubt er der Kolonie erstmals den bis anhin strikt verbotenen Aussenhandel. Von der liberalen Wirtschafts- und Siedlungspolitik des Königs angezogen wandern nun zahlreiche Europäer nach Brasilien aus, darunter auch mehrere Schweizer. Einige kaufen Grundstücke und richten darauf Plantagen ein, andere betätigen sich im Handel. Die ersten Schweizer Firmen in Brasilien werden ab 1817 gegründet. In einer zweiten Phase ab 1829 brechen Handwerker, Gouvernanten und Hausangestellte aus verschiedenen Kantonen auf, um für die reichen europäischen Grossgrundbesitzer und Händler zu arbeiten. Die meisten Schweizer Grossgrundbesitzer, in Brasilien Fazendeiros genannt, lassen sich in den Provinzen Rio de Janeiro - insbesondere in der Kolonie Nova Friburgo - und Bahia nieder. Zwischen 1819-1919 wandern an die 1'000 Schweizerinnen und Schweizer nach Bahia ein. Dort lassen sie sich zusammen mit deutschen Siedlern in der Kolonie Leopoldina nieder. Anfangs sind es mehrheitlich Waadtländer und Neuenburger, danach zumeist Deutschschweizer, insbesondere Zürcher. Ihre von Sklaven bewirtschafteten Kaffeeplantagen sind wirtschaftlich sehr erfolgreich. Die Schweiz unterhält nun auch ein Konsulat in Bahia, das sich bei Todesfällen von Schweizer Bürgern um die Auflösung ihres Besitzes kümmert. Dazu gehört pikanterweise auch der öffentliche Verkauf ihrer Sklaven. Die Schweizer Diplomaten scheinen darin aber keinerlei moralisches Problem zu sehen. Der Schweizer Generalkonsul Emile Raffard aus Genf in Rio de Janeiro beschäftigt 1864 nach Angaben des Bundesrates selbst ein Sklavenpaar! Die Gesamtzahl der Sklaven in Leopoldina 1848 beträgt knapp über 1'200, unklar ist, welcher Anteil davon deutschen und welcher schweizerischen Fazendeiros gehört. Der grösste vom Konsulat erfasste Besitz ist jener des Schaffhausers Hans Flach, welcher 1868 stirbt. Er hinterlässt die Plantage Helvetia mit Kaffeesträuchern auf einer Länge von über 100 Kilometern und 151 Sklaven. Sein Besitz wird auf 950'000 Franken geschätzt, was 905-mal dem damaligen Jahreslohn eines Zürcher Schreiners entspricht!
Ein in Brasilien zu Reichtum und Ansehen gekommener Schweizer ist der Neuenburger Händler Auguste-Frédéric de Meuron (1789-1852). Sein Vater produzierte Textilien für den Eintausch gegen Sklaven, mehrere seiner Onkel waren Kaufleute, Händler und Plantagenverwalter auf Surinam und Grenada. Einer von ihnen war mit einer sogenannten "Quadroon" verheiratet, der Tochter eines Weissen und einer Mulattin, welche er nach Neuchâtel mitbrachte. De Meuron macht eine Lehre in einem Pariser Handelshaus, dessen Hauptaktionär Paul Coulon ist. Dort lernt er von sechs Uhr morgens meist bis Mitternacht den Handel mit Kolonialwaren. Später landet er in Lissabon, wo er in einer von David de Pury gegründeten Firma Anstellung findet, die von zwei seiner Cousins übernommen wurde. De Meuron überzeugt diese bald, mit ihm ein Handelshaus in Brasilien zu gründen, die Firma Meuron & Cie.. 1817 trifft er selbst in Bahia ein, wo er zwei Jahre später mit Herstellung und Handel von Tabak beginnt. Zusammen mit dem Berner Gabriel von May (1791-1870) eröffnet er eine erste Fabrik, wo Schnupftabak hergestellt wird. Dank grossem Erfolg können sie 1832 in Rio de Janeiro und 1836 in Pernambuco zwei weitere Tabakfabriken eröffnen. In den Fabriken arbeiten mehrheitlich afrikanische Sklaven. Gabriel von May, der bald "der Brasilianer" genannt wird, besitzt zusätzlich noch grosse Plantagen in Bahia, wo er von Sklaven Kaffee und Tabak anbauen lässt. Zurück in der Schweiz stiftet er der Allgemeinheit das Spital Montmirail. Zusammen mit seinem Neffen James-Ferdinand de Pury (1823-1902) gründet Auguste-Frédéric de Meuron, welcher nun bereits den Beinamen "de Bahia" trägt, ein weiteres Handelsunternehmen. James-Ferdinand de Pury erwirbt ebenfalls ein grosses Vermögen, aus dem unter anderem jene Villa entsteht, welche seit 1904 das Musée d'ethnographie de Neuchâtel beherbergt. Die Firma Meuron & Cie. wächst zu einem riesigen Imperium an, sie kontrolliert Mitte des 19. Jahrhunderts fast die Hälfte der brasilianischen Schnupftabakproduktion. Ein 300 Meter hoher Berg bei Rio de Janeiro erhält gar den Namen Pic Meuron. 1837 kehrt Auguste-Frédéric de Meuron nach Europa zurück. Mit seinem Vermögen kauft er das Chateau de Dully, das er 1841-46 umbauen lässt, und ein Haus an der Champs-Elysées in Paris, ebenso das Chateau Frayé im französischen Département Seine-et-Oise. In Neuchâtel spendet er Geld für die Errichtung einer grosszügigen und modernen psychiatrischen Klinik. Die Maison de santé in Préfargier bei Marin-Epagnier ist eine Stiftung, deren Präsidenten der Aufsichtskommission noch bis in die heutige Zeit beinahe lückenlos aus der Familie de Meuron stammen. Auch der erst 20jährige St. Galler Jacob Laurenz Gsell (1815-1896) geht 1836 nach Brasilien, wo er im Handel mit Kolonialwaren tätig ist. Wie dort üblich hält auch er sich Sklaven. In einem Brief in die Heimat vom 16. Juli 1836 berichtet er: "Um das Völkerrecht gut zu handhaben, habe ich meine Reitpeitsche, die ich doch nicht an Pferden verbrauchen kann, zu anderem Zweck hervorgenommen; wenn ich nämlich meinem Schwarzen etwas befehle und der nicht sogleich gehorcht, husch, da zuckt etwas durch die Luft und ein guter Hieb sitzt auf dem Rücken des Negers, das ist das beste Mittel zur Aufklärung des Plebs oder ist das nicht so?" 1850 kehrt er mit einem schwarzen Sklaven nach St. Gallen zurück, von wo aus er die europäische Vertretung des brasilianischen Handelshauses, das nun Laquay, David & Cie. heisst, leitet. 1850 wird in Brasilien der Sklavenhandel verboten. Trotz kontinuierlichem illegalem Schmuggel erhöhen sich die Preise für Sklaven. Die Regierung des nunmehr unabhängigen Brasiliens ermuntert daraufhin europäische Arbeiter zur Einwanderung. Viele Schweizerinnen und Schweizer folgen diesem Aufruf, um der Armut zu entrinnen. Um die Kosten für die Überfahrt abzuarbeiten, werden sie zu Teilpächtern der reichen Grossgrundbesitzer in der Provinz São Paulo. Ihr Traum vom Glück erfüllt sich jedoch selten: Meist geraten sie in eine Schuldenfalle und leben weiterhin in Armut und Elend. Der Schaffhauser Nationalrat Wilhelm Joos weilt 1850-53 in Brasilien und erkennt einen Zusammenhang zwischen Sklaverei und Pachtwesen. Er fordert den Bundesrat 1864 auf, Schweizer Sklavenhalter zu bestrafen und die Abschaffung der Sklaverei in Brasilien voranzutreiben. Somit werde auch das Los der Schweizer Pächter verbessert, welche bis anhin nicht als freie Arbeitskräfte angesehen seien. Der Bundesrat will jedoch die sklavenhaltenden Schweizer weder um ihr Bürgerrecht noch um ihr "rechtmässig erworbenes Vermögen" bringen und lehnt die Motion von Joos ab. So können Schweizer in Brasilien weiterhin die Arbeitskraft der Sklaven ausbeuten, bis die Sklaverei 1888 in Brasilien als letztem Land endlich verboten wird. Damit wird der wirtschaftliche Niedergang der Kolonie Leopoldina besiegelt, und viele Schweizer Fazendeiros suchen ihr Glück weiter unten im Süden. Das Vizekonsulat in Bahia wird daraufhin 1895 geschlossen. Schweizer waren zur Kolonialzeit aber auch in Afrika anzutreffen... Quellen: Thomas David/Bouda Etemad/Janick Marina Schaufelbühl, Schwarze Geschäfte, Die Beteiligung von Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert, Zürich 2005. Hans Fässler, Reise in Schwarz-Weiss, Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei, Zürich 2005. Dieser Artikel als PDF
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