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Vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland

In der Schweiz bestand seit dem 17. Jahrhundert eine Auswanderungstradition. Vor allem die alpinen und ländlichen Regionen litten oft unter Armut und Überbevölkerung. Aus denselben Gründen wie damals Tausende Schweizerinnen und Schweizer in ferne Länder aufbrachen, um dort ein Auskommen zu finden, wandern heutzutage viele Menschen aus anderen Ländern in die mittlerweile reiche Schweiz ein.

Schweizer Söldner in französischen Diensten auf dem Weg nach Louisburg (Kanada) im 18. Jahrhundert - Quelle: Canadian Military History GatewayAuf Grund des kargen Bodens, der knapp vorhandenen Anbaufläche - die durch Missernten, Überschwemmungen und andere Katastrophen leicht zerstört wurde - und des starken Bevölkerungswachstums kämpften viele Schweizer Bauernfamilien im 18. und 19. Jahrhundert mit Existenzproblemen und sahen in der Auswanderung ihre einzige Überlebenschance. Nebst den Nachbarländern gehörten die USA, Argentinien, Brasilien und Chile zu den beliebtesten Zieldestinationen der Schweizer Auswanderer. Auswanderung wurde auch durch Beiträge begünstigt, die im 19. Jahrhundert von Gemeinden und Kantonen zur Förderung der Emigration bereitgestellt wurden, um sich von Unterstützungspflichten gegenüber der ärmeren Bevölkerung zu entlasten. Airolo im Kanton Tessin zum Beispiel stellte 25'000 Franken zur Verfügung, um 50 Auswanderungswilligen die Reise nach Kalifornien zu bezahlen. Auch das Söldnerwesen entsprang einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Vom Ende des 14. Jahrhunderts bis 1859, als der Dienst in fremden Armeen per Gesetz verboten wurde, kämpften über eine Million Schweizer auf europäischen Schlachtfeldern.

Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. In der Zeit des grossen Wirtschaftsaufschwungs vor 1900 wanderten erstmals mehr Menschen in die Schweiz ein, als aus ihr auswanderten, da mit der zunehmenden Industrialisierung in der Textilindustrie und im Eisenbahnbau vermehrt ausländische Arbeitskräfte benötigt wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verfügte die Schweiz als eines von wenigen europäischen Ländern über eine intakte Industrie und eine unversehrte Infrastruktur. Bis Mitte der 1960er Jahren erlebte die Schweiz einen noch nie dagewesenen Wirtschaftsboom, der eine Masseneinwanderung von Arbeitern vor allem aus Italien auslöste. Die Schweiz wurde zu einem attraktiven Ziel. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nahmen, und nehmen heute noch, Menschen aus dem Süden die Strapazen der Migration auf sich und versuchen auf legale oder illegale Art in ein europäisches Land zu gelangen. Die Hoffnung auf ein besseres Leben wird durch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der europäischen Länder genährt.

Industrialisierung


Industrialisierung in der Textilindustrie - Quelle: Portal LWLDie Schweiz war zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch eine vorwiegend agrarisch geprägte Gesellschaft. So arbeiteten 1800 zwei Drittel der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft. Der Übergang zur Industrialisierung erfolgte vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bereits 1888 fanden 41% aller Erwerbstätigen in Industrie und Gewerbe einen Arbeitsplatz. In den folgenden Jahrzehnten sank der Anteil landwirtschaftlicher Arbeitsplätze weiter, hauptsächlich zugunsten der Industrie. Im Unterschied zu anderen Ländern gab es in der Schweiz kaum Schwerindustrie und nur wenige grosse Fabriken. Auch wenn die traditionsreichen Industriezweige etappenweise zu maschineller Herstellung übergingen, blieben die alten Strukturen in der Schweiz bestehen. Sehr verbreitet war die Heimarbeit. Wie in England begann die Industrialisierung bei der Textilherstellung, deren Mechanisierung zum Aufbau der Maschinenindustrie und der chemischen Industrie führte. Ab 1820 dominierte die industrielle Verarbeitung von Baumwolle, Seide und Wolle. Die Textilindustrie war vor allem in der Nord- und Ostschweiz beheimatet. Als Frankreich 1803 ein Einfuhrverbot für Baumwollwaren erliess, förderte dies die Gründung von Spinnereien. Während der Zeit der Industrialisierung existierte aber auch eine Massenarmut in der Schweiz, die teilweise durch Missernten, teilweise durch die Kontinentalsperre (Wirtschaftsblockade des europäischen Kontinents gegen Grossbritannien), die das Wachstum der Schweizer Textilindustrie beeinträchtigte, ausgelöst wurde. In den hundert Jahren zwischen 1850 und dem Zweiten Weltkrieg verlor die schweizerische Industrie ihren ländlichen Charakter und konzentrierte sich mehr und mehr auf die städtischen Zentren, wo sich die neuen Schlüsselindustrien ansiedelten, insbesondere Zürich, Winterthur, Baden und Basel.

Vielfalt


Tourismus - ein wichtiger Bereich des Dienstleistungssektors in der Schweiz - Quelle: Pilatus BahnenDie Schweiz ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und gesellschaftlich ein reiches Land und gilt für viele Migranten als Zielland in Europa. Wirtschaftlich gesehen gehört die Schweiz mit einem Bruttoinlandprodukt von durchschnittlich 53'000 US Dollar pro Kopf im Jahr 2006 zu den reichsten Ländern der Welt. Und dies obwohl zwei Drittel der Staatsfläche aus Wald, Seen und Fels bestehen, und selbst das Kulturland kaum in der Lage ist, die Bevölkerung hinreichend zu ernähren. Ausserdem weist das Land sehr wenige Bodenschätze auf. Hingegen verfügt die Schweiz über gut ausgebildete Arbeitskräfte mit einem hochstehenden technologischen Wissen. Dies begünstigt einen leistungsfähigen Industrie- und Dienstleistungssektor. Über 70% der Erwerbstätigen sind im Dienstleistungssektor tätig. Die Arbeitslosenquote ist mit 2,8% im Jahr 2007 im internationalen Vergleich eine der niedrigsten. Zudem zeichnet sich die Schweiz durch eine grosse kulturelle Vielfalt aus. Mit einem Anteil von 63,7% an der Gesamtbevölkerung ist Deutsch die am meisten verbreitete Sprache. Französisch wird von 20,4% und Italienisch von 6,5% der Bevölkerung gesprochen. Die vierte Landessprache, Rätoromanisch, hat einen Anteil von 0,5%, wobei praktisch alle Rätoromanischsprachigen auch die deutsche Sprache beherrschen. Die Aufteilung der Schweiz in mehrere Sprach- und somit auch Kulturregionen macht es schwierig, von einer einheitlichen Schweizer Kultur zu sprechen. Die drei grösseren Sprachregionen werden von den jeweiligen Nachbarländern sowie von den angelsächsischen Ländern stark beeinflusst. Die rätoromanische Kultur weist keinen solchen "grossen Bruder" auf. Auch konfessionell zeigt die Schweiz ein vielfältiges Bild. 35,3% der Bevölkerung sind protestantisch, 41,8% gehören dem katholischen Glauben an und 13,4% sind anderen Konfessionen zugehörig oder konfessionslos.

Ausländerpolitik


Über ein Drittel der Bevölkerung in der Schweiz hat einen Migrationshintergrund - Quelle: NZZObwohl sich die Schweiz politisch bisher nie offiziell als Einwanderungsland bezeichnet hat, ist es eine Tatsache, dass jede dritte Bewohnerin und jeder dritte Bewohner der Schweiz eingewandert oder Nachkomme von Einwanderern ist. Die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz beträgt etwa 7,5 Millionen Menschen. Ohne Ausländerinnen und Ausländer würde sie wegen der niedrigen schweizerischen Geburtenzahlen stark abnehmen. Auch die Finanzierung der Altersvorsorge (AHV) wäre erschwert, da ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer jährlich rund 1,5 Milliarden Franken mehr Beiträge bezahlen, als sie schliesslich beziehen. Die Schweiz gehört somit zu den europäischen Ländern, in denen im Verhältnis zur Bevölkerungszahl am meisten Ausländerinnen und Ausländer wohnen. Dies ist jedoch auch darauf zurückzuführen, dass in der Schweiz die Einbürgerung weniger schnell vonstatten geht als in vielen anderen Ländern, dass also hohe Einbürgerungsschranken existieren. Im Gegensatz zu anderen Ländern erhalten Kinder, die in der Schweiz geboren werden, nicht automatisch die Staatsbürgerschaft. Insgesamt bilden Migrantinnen und Migranten heute einen zentralen Teil der Schweizer Gesellschaft.

Demonstration in Bern am Fluechtlingstag im Juni 2007 - Quelle: WikimediaIm Zweiten Weltkrieg stiess die Schweiz mit ihrer restriktiven Asylpolitik und der Zurückweisung von über 10'000 Flüchtlingen international auf grosse Kritik. Danach kehrte die Schweiz wieder zu einer grosszügigeren Aufnahmepraxis zurück. Grosse Flüchtlingsgruppen, insbesondere aus kommunistischen Staaten, fanden Aufnahme. Auch heute wird das Thema Ausländerpolitik in der Schweiz immer wieder heftig diskutiert und löst kontroverse Debatten aus. Im Jahr 2006 nahm das Schweizer Stimmvolk eine vom Parlament beschlossene Verschärfung des Asyl- und Ausländerrechts an. Das neue Asylgesetz schreibt unter anderem vor, dass Asylsuchende binnen 48 Stunden Reise- oder Identitätspapiere vorlegen müssen. Kommen sie dieser Auflage nicht nach, werden ihre Asylanträge nicht bearbeitet und sie in ihre Heimat zurückgeschickt. Abgelehnte Asylsuchende haben zudem keinen Anspruch mehr auf Sozialhilfe, sondern nur noch auf eine sogenannte Nothilfe, welche kaum zum Überleben reicht. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR kritisiert das neue Asylgesetz als eines der restriktivsten in ganz Europa. Mit dem gleichzeitig angenommenen neuen Ausländergesetz wird die Zulassung zum Arbeitsmarkt für Personen ausserhalb der EU und der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) auf besonders qualifizierte Arbeitskräfte beschränkt. Ausserdem erhöht das Ausländergesetz die Integrationsanforderungen und verschärft die Strafen für illegal anwesende Ausländer, Schlepper und Schwarzarbeiter.
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Quellen:
Bundesamt für Statistik: www.bfs.admin.ch
Pro Migratio: www.g26.ch/migratio_geschichte_01.html
CIA World Factbook: https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/sz.html
Der Fischer Weltalmanach 2008, Frankfurt am Main 2007.

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