Brasilien - Land der sozialen und regionalen Gegensätze
Brasilien beging im Jahr 2000 das Jubiläum seiner "Entdeckung" vor 500 Jahren. Eigentlich hatte aber nur eine Minderheit einen Grund, sich zu freuen – die wenigen Reichen im Süden und Südosten des Landes. Für die landlosen Bauern im Nordosten und die verarmte Bevölkerung in den Elendsvierteln der Grossstädte bestand kein Grund zum Feiern. Unter den sozial Benachteiligten sind überdurchschnittlich viele Afrobrasilianerinnen und Afrobrasilianer. Es wird immer noch tabuisiert, dass es auch in Brasilien Rassismus gibt. Die Nachwirkungen des patriarchalen Kolonialsystems bestimmen noch heute die brasilianische Sozialstruktur. Die Plantagen waren auf Sklavenarbeit aufgebaut und hierarchisch gegliedert. Oben und unten, arm und reich waren festgelegt. Kaum ein Land ist von derart grossen sozialen Unterschieden geprägt, die Einkommensschere klafft heute weiter denn je auseinander. Etwa ein Fünftel der brasilianischen Bevölkerung lebt am Rande oder unterhalb des Existenzminimums; im Nordosten ist es sogar etwa die Hälfte der dort lebenden Bevölkerung. Am anderen Ende der Einkommensskala steht eine sehr wohlhabende und politisch einflussreiche Oberschicht. Während sich die reiche Mittel- und Oberschicht in hermetisch abgeriegelten Wohnvierteln abkapselt, lebt der grösste Teil der Bevölkerung in Häusern ohne Stromversorgung. An den Berührungspunkten zwischen Arm und Reich in den Grossstädten zeigen sich die sozialen Probleme: Hunger und Bettelei, Verwahrlosung, Kriminalität und Bandenbildung, Drogen und Umweltverschmutzung.
Die sozialen Gegensätze schlagen sich auch regional nieder. Der Süden und Südosten Brasiliens verkörpert überwiegend wirtschaftlichen Fortschritt und Entwicklung und verfügt über vergleichsweise moderne Wirtschaftsstrukturen. Im Nordosten des Landes sind Rückstand, Armut und Unterentwicklung stärker ausgeprägt. Dort leben unzählige Bewohnerinnen und Bewohner der Hafenstädte und ein grosser Teil der Landbevölkerung in bitterer Armut. Als Brasilien noch eine Kolonie war, galt der Nordosten lange Zeit als Zentrum der Zuckerplantagen und war die dominierende brasilianische Wirtschaftsregion. Doch als der Zucker an Bedeutung verlor, ging es mit dieser Region bergab. Den Todesstoss versetzte ihr die Industrielle Revolution, welche die wirtschaftliche Macht auf die Städte im Südosten und Süden verlagerte, wo sich die Fabriken konzentrierten. Fehlende Industrie, Dürreperioden und ein überkommenes landwirtschaftliches Pachtsystem liessen den Nordosten zum Symbol des rückständigen und verarmten Brasiliens werden. Das Land ist sehr ungleich aufgeteilt - ein Erbe aus der Kolonialzeit. Knapp 2% der Bauern sind Grossgrundbesitzer, welchen über die Hälfte des Landes gehört. Mit ihrer politischen und finanziellen Macht verhindern sie eine einschneidende Landreform, welche dringend notwendig wäre. Dafür kämpft eine grosse Bewegung von Landlosen, das 1984 gegründete Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST), da noch immer etwa 5 Millionen Familien als landlos gelten. Die Abwanderungsbewegung vom ländlichen Nordosten in den urbanen Südosten begann in den 1960er Jahren. Zwischen 1970 und 1980 wuchs die Bevölkerung im Stadtgebiet von São Paulo um drei Millionen Menschen, von denen die meisten aus dem armen Nordosten kamen. Heute leben Dreiviertel der brasilianischen Bevölkerung in den Städten. Die Landflüchtigen lassen sich am Rande der grossen Städte nieder, in der Hoffnung auf Arbeit und eine bessere Zukunft in der Stadt. Sie errichten ihre armseligen Hütten auf illegal besetztem Land. So entstehen in wildwuchernder Weise und innert kürzester Zeit neue Elendsviertel, die sogenannten Favelas. Da die Bewohnerinnen und Bewohner keinerlei rechtsgültigen Besitzansprüche auf dieses Land geltend machen können, kommt es nicht selten vor, dass eine ganze Favela mit Baggern dem Erdboden gleichgemacht wird und die Menschen ihr weniges Hab und Gut verlieren. Die Lebensbedingungen in den Favelas sind entwürdigend und das Gesundheits- und Bildungssystem funktioniert kaum. Die Folgen davon sind eine enorm hohe Analphabetenrate und weitverbreitete Arbeitslosigkeit. Kinder geraten oft in die Hände der Drogenmafia, welche sie für ihre Zwecke benutzt. 90% der Bewohnerinnen und Bewohner der Favelas sind afrobrasilianischer Abstammung. Der grösste Teil der afrobrasilianischen Bevölkerung lebt im Nordosten. Es sind Nachfahren der afrikanischen Sklaven, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert in das Land gebracht wurden. Sie stammen aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien in Afrika, haben sich im Laufe der Zeit jedoch stark mit der europäischstämmigen Bevölkerung Brasiliens vermischt. Nach einer aktuellen Erhebung bezeichnen sich heute nur noch knapp 12 der 188 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianern selbst als "Schwarze", da Schwarzsein noch immer mit erheblicher sozialer und wirtschaftlicher Diskriminierung verknüpft ist. Die Volkszählung im Jahr 2000 ergab: Weisse 53,7%, Mulatten 38,5%, Schwarze 6,2%, Sonstige 1,6%. Millionen von Nachfahren der aus Afrika verschleppten Sklaven leben weiterhin unter der Armutsgrenze und oft in tiefstem Elend. Offiziell ist das Thema Rassismus in Brasilien ein Tabu. Afrobrasilianerinnen und Afrobrasilianer stehen jedoch in sämtlichen Statistiken zu den Bereichen Lebensqualität, Bildung, Beruf und Einkommen an unterster Stelle. In den Grossstädten mehren sich Überfälle mit rassistischem Hintergrund. Die afrikanischen Kulturen und Religionen werden bedrängt durch neuere christliche Kirchen. Auch der Bericht des UN-Sondergesandten Doudou Diène, welcher Brasilien im Oktober 2005 besuchte, spricht von weitverbreitetem, strukturell bedingtem Rassismus in Brasilien. Viele Politiker geben zu, dass Rassismus in der brasilianischen Mentalität tief verwurzelt ist, während die Medien und die Bevölkerung diese Tatsache immer noch verdrängen. 1979 bereits schlossen sich verschiedene Schwarzenorganisationen zum Movimento Negro Unificado zusammen, um für ihre Rechte und ihre Kultur zu kämpfen. Nicht viel besser sind die Lebensumstände der Indios. Von den einst über 3 Millionen Ureinwohnern Brasiliens leben heute nur noch 734'000, die Hälfte davon in den Städten, wo sie ihre kulturellen Wurzeln zunehmend verlieren. Jene Stämme, die in Reservaten im Amazonasgebiet wohnen, werden durch die Abholzung des Regenwalds und die Umweltverschmutzung bedroht. In staatlichen Institutionen sind Indios und Afrobrasilianer drastisch untervertreten. Die Regierung versucht durch das Gleichstellungsgesetz der Rassen und positive Diskriminierung wie die Einführung von Mindestquoten für Schwarze an Universitäten die Situation der benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu verbessern. Luiz Inàcio ("Lula") da Silva vom Partido dos Trabalhadores (PT) wurde im Oktober 2006 erst nach einem zweiten Wahlgang als Präsident bestätigt. Seine Regierungskoalition verfügt jedoch nicht über eine Mehrheit in der Abgeordnetenkammer, da Silva ist wie schon in seiner ersten Amtszeit auf die Unterstützung anderer Parteien angewiesen. Deshalb stösst er immer wieder auf Schwierigkeiten, seine ehrgeizigen Pläne zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums und weitere Sozialprogramme wie Rassismusbekämpfung und Landreformen durchzusetzen. Man findet sie auf keiner Landkarte eingezeichnet, doch es gibt zwei Brasilien, die auf dem gleichen Territorium Seite an Seite existieren: das eine ein Land von riesigem Potential, unbegrenzten Möglichkeiten und unvorstellbarem Reichtum; das andere aber ein Land des Mangels, des menschlichen Elends und der Verzweiflung. Zu den Projekten von cooperaxion in Brasilien... Quellen: Der Fischer Weltalmanach 2008, Frankfurt am Main 2007. Nations Unies, Conseil économique et social:"Le racisme, la discimination raciale, la xénophobie et toutes les formes de discrimination", http://www.universalhumanrightsindex.org/documents/832/777/document/fr/text.html CIA World Factbook: https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/br.html Nicolas Forster: Die Binnenmigration von Nord(-ost) nach Süd(-ost) brasilien. Ursachen, Folgen, Lösungsansätze, http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/ged/21396.html www.brasilien.de Wikipedia, http://de.wikipedia.org
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